Ein junger Schiedsrichter erzählt:

von Online-Redakteur Michael Batke am 11.10.2018 um 11:32 Uhr



Im Zweifel gegen den Schiri

Bei Spielen der Profis in der Bundesliga oder Champions League hat sich sicher jeder von uns schon öfter
über die Schiedsrichterleistungen aufgeregt. Aktuell natürlich auch über den umstrittenem Videobeweis.
Doch auch im Amateurfußball und insbesondere im Nachwuchsbereich stellen sich an jedem Wochenende
Schiedsrichter auf den Platz, die sich vom Spielfeldrand einiges anhören müssen. Und erst neulich hat ein 
U11-Trainer bei einem Turnier an der Löchterheide seine Mannschaft zurückgezogen, weil der (sehr junge)
Schiedsrichter angeblich nicht korrekt gepfiffen hatte. Wie in dem Artikel zu lesen ist, bleibt es oft nicht bei
verbalen Attacken. Vielleicht denkt einmal jeder Trainer, Spielermama und Spielerpapa an den
"schwarzen Mann", der teils ehrenamtlich oder für kleines Geld nur versucht die Spielregeln anzuwenden. 
Wäre doch traurig für alle, wenn keiner mehr diesen undankbaren Job machen will...

 

Aus Funky.de (Jugendredaktion der Funke Mediengruppe):

Anfeindungen sind auch bei Jugendfußballspielen keine Ausnahmen. Ein junger Schiedsrichter erzählt von seinen Erfahrungen.

Von Moritz von Blittersdorff

„Schiri, wir wissen, wo dein Auto stand, hat gut gebrannt!“ – Immer wieder kochen bei Fußballspielen die Emotionen über, sowohl bei den Spielern und Trainern als auch bei den Zuschauern. Oft müssen dann die Unparteiischen als Sündenböcke herhalten. Wie viel sie einstecken müssen, erzählt Lars van der Wee. Er ist 16 Jahre alt und seit etwa zwei Jahren Schiedsrichter.

 

Ob als Hauptschiedsrichter in der Bezirksliga oder als Assistent in der Jugend-Regionalliga, Lars muss sich fast in jedem Spiel Beleidigungen und sogar Androhungen von Gewalt stellen. „Mit Kommentaren wie ‚Was bist du für ein Vollpfosten!‘ oder ‚Wenn ich dich noch mal sehe … ‘ muss man klarkommen“, sagt er. Und zwar von Anfang an: „Gleich in meinem ersten Spiel als Assistent kamen nach einer Abseitsentscheidung alle Spieler auf mich zu und beleidigten mich. Auch die Zuschauer machten mit.“ Auch wenn er in diesem Spiel nicht – und zum Glück auch in keinem anderen – körperlich angegriffen wurde, wird ihm dieses beängstigende Erlebnis immer im Kopf bleiben.

Dass Hass und Gewalt gegen Schiedsrichter keine Seltenheit sind, zeigen Schlagzeilen wie „Wenn der Bolzplatz zum Tatort wird“, „Kompletter Spieltag wegen Gewalt gegen Schiedsrichter abgesagt“, „Gewalt im Jugendfußball – Schiedsrichter treten in Streik“. Der „Spiegel“ hat viele solcher Fälle zusammengetragen, in denen Schiedsrichter übel zugerichtet, sogar krankenhausreif geprügelt wurden. Die Redaktion zitiert aus einer Studie, nach der fast zwei Drittel der Schiedsrichter Gewaltandrohungen und mehr als ein Viertel sogar tatsächliche Gewalt erlebt haben. Vor diesem Hintergrund verwundert es nicht, dass es in Deutschland seit Jahren immer weniger Fußballschiedsrichter gibt.

Die Zuschauer nehmen, wen sie kriegen können

„Hauptsächlich die Eltern und Zuschauer regen sich über uns Schiedsrichter auf“, sagt Lars, „vor allem, wenn sie keine oder nur geringe Regelkenntnisse haben.“ Dabei stürzen sie sich auf den, den sie kriegen können: Als in einem Kreispokalfinale der U19 die eine Mannschaft nach 2:0-Führung plötzlich 2:3 hinten lag, ließen Trainer und Zuschauer von da an ihren Frust raus. „Alle Entscheidungen wurden kritisiert und angezweifelt“, erzählt Lars. Da er aber mitten auf dem Feld und damit nicht in greifbarer Nähe war, sei sein Assistent das gesamte Spiel über bis aufs Äußerste beleidigt worden. Ganz sicher keine schöne Erfahrung.

Lars gefällt es trotzdem sehr, Schiedsrichter zu sein. Er ist der festen Überzeugung, dass die Schiedsrichterei seine Persönlichkeit gestärkt hat, weil er immer wieder mit komplizierten Situationen umgehen muss. Für alle, die auch Schiedsrichter werden wollen, hat er einen Tipp: „Man sollte sich niemals unterkriegen lassen, vor allem nicht durch Zurufe von Trainern und Spielern, denn nur man selber kann die Entscheidungen treffen.“ Wer beim Spiel souverän auftritt, verschafft sich Respekt – und sollte sich danach, findet Lars, selbstreflektiert zeigen und auf konstruktive Kritik von Spielern und Trainern eingehen.

 

Die Studie zur Gewalt im Amateurbereich


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